8. Tag: Passed another Lemon Tree
January 5th, 2013. Published under 06. bis 10. Tag, Alle Berichte, Reise. No Comments.
Dem musikalischen Grundthema verplichtet, musste dieser Titel einfach sein und wenn ihr diese Melodie vor euch hinsummt, dann habt ihr auch das innerlich richtige Kharma, Krishna oder wie auch immer, um diesen Eintrag zu verstehen.
Die Nacht im spassigen
High Class Lemon Tree Hotel war ausgesprochen erholsam und das Frühstücksbuffet eine einzige Versuchung – keine schlechte Voraussetzungen für einen weiteren Fahrtag.
So ging es extrem relaxed erst gegen 11:00 los – wobei wir die touristische Abfahrtsroute wählten und an einem historischen Shopping District vorbei fuhren. War aber nix. Dafür fuhren wir dann quer durch die Altstadt und konsequenterweise gleich auch durch den Markt
und mussten immer mal wieder hallo sagen und winken.
An dieser Stelle muss ein kurzer Einschub sein – eine Würdigung der grössten Erfindungen der Menschheit: Dem Internet und dem GPS: Dank dem Internet wissen wir alles was wir gar nicht wollen und viel mehr – soviel, dass man sich gar nicht ins Tuck sitzen müsste – was wir sehen kann man auch googeln. Das GPS hingegen sagt einem jederzeit wo man ist – aber nicht, wo man eigentlich hin will / könnte / sollte – dazu braucht man dann eben das Internet. Und natürlich gäb’s jetzt dazwischen das Navi, welches aushelfen könnte – aber die sind bei solchen Challenges eher verpoent und ob wir es schaffen würden, ein indisches Navi bedienen zu lernen, bevor wir in Kerala eintreffen scheint fraglich. Aber – da gibt’s ja noch den elektronischen Apfel mit seinen Apps – sorry für die Schleichwerbung – aber mit dem Citymaps2go kann man sich die Karten weltweit gratis runtersaugen und hat dann sogar noch rudimentäre Infos zu Tankstellen und Sights und Hotels, wobei man letztere auch direkt via Internet buchen kann, wenn man denn Verbindung hat (unsere zwei indischen SIM Karten lagern immer noch jungfräulich in ihrer Hülle…). Und ohne diese App würde sich unsere Reise garantiert um Stunden verlängern – die Navigation aus einer Stadt wie Ahmadebad auf den nächsten Highway – ohne Stadtkarte – einzig anhand der sehr spärlichen Verkehrsschilder und alles im indischen Hektiker-Verkehr ist kein Spass und auch nicht unbedingt sicher und wir könnten nicht einmal beweisen, dass wir mit unserem Don’t worry eat curry Tuck tatsächlich bis zur Curry Road gefahren sind!
Sicherheit ist überhaupt ein wichtiges Thema – und da bestätigt sich einmal mehr, dass nicht Wegelagerer und Touristennepper die grösste Gefahr sind, sondern der ganz normale Strassenverkehr. Der ist immer am Morgen recht entspannt und ok und wird dann zur Abendzeit hin richtig brutal – auf der Autobahn wird gerast was die Kiste hergibt (unsere 61Kmh – wobei wir eine saubere Cruise-Speed von 48Kmh anpeilen) und in den Städten wird kein Millimeter Platz freiwillig hergegeben. Dass dies nicht immer gut geht zeigen die Berge an Autowracks, welche die Ein- und Ausfahrten aus den Städten, wo typischerweise die Automechs angesiedelt sind, säumen – hier leider bloss ein andeutungsweises Bild – werden wir sonst nachbessern.
Aber auch Lastwagen, welche Brückengeländer durchschlagen haben und solche welche es einfach umgekippt hat, haben wir schon gesehen – angesichts der oft abenteuerlichen Ladungen nicht weiter erstaunlich.
Der Faktor Unsicherheit war heute aber noch aus einem anderen Grund dominant: Wir fahren durch den Staat Gujarat, der als ziemlich strikt gilt, d.h. KingFischer (Bier) ist unerwünscht, der ganze Staat trocken und wegen der Nähe zum Erzfeind Pakistan gibt es No Go Zonen, wobei nicht so klar ist, wo die wirklich sind. Einige andere Rickshawrunners haben sie aber offenbar schon gefunden und letztes Jahr zwei Nächte im Gefängnis verbracht, weshalb wir von der Rennleitung vor der Durchfahrt von Gujarat gewarnt wurden. Wir sind dann mitten durch – Dr. Daktari immer mal wieder in Panik, weil grosse Schilder zur Bezahlung von Highway Toll aufforderten, wir aber nirgends bezahlen konnten. Dr. Daktari ist dann auch kurzerhand mal zum Polizeiposten vor einer solchen Mautstelle zurückgestapft und hat sich mit Händen und Füssen erkundigt – ging ganz gut und so haben wir die höchstoffizielle Bestätigung, dass die Maut zumindest für Rickshaws seit einigen Monaten abgeschafft ist. Jimbo ist in der Zwischenzeit zurückgefahren und hat dann vor der versammelten Polizeibelegschaft über die doppelte Sicherheitslinie gewendet Dr. Daktari geboardet und wir haben fröhlich gewunken und sind weitergezuckelt. So geht das in Indien.
Und so tuckern wir durch Indien – oft recht komfortabel auf den in unseren Karten als furchterregende Autobahnen ausgewiesenen Strassen, auf welchen aber auch Velos und manchmal sogar Kamelgespanne unterwegs sind. Oft übrigens auch Geisterfahrer – das sind dann die mit dem Licht. Ist aber bei knapp 50Kmh noch überschaubar. Ansonsten fliessen die Erlebnisse langsamer – wir lassen dann die Bilder sprechen und hoffen, ihr könnt das auch etwas geniessen.
Essentiell – v.a. für unsere Rickshaw – get the fuel mix correct – piece of cake mit einer Pepsi Flasche – irgendwoher hat Dr. Daktari ja auch den Dr.
Von der Wasserversorgung hatten wir’s schon – dies hier betrifft eher das Thema Brückenbauen – weshalb müssen die immer von Ufer zu Ufer sein? Think different! Aber gemäss unseren indischen Freunden sind das eh nur Anlagen zur Messung des Wasserstands – also doch Wasserversorgung und deshalb kompliziert – haben wir ja schon gelernt.
Wobei – so ein Reisebericht durch Indien ist komplett limitiert und wir tun diesem Land unrecht: Denn der Text ist ja das eine, die Bilder sind klar und den Lärm – den könnt ihr auch vorstellen – monotones Zweitakmotorengeräusch, flatterndes Verdeck und je nach Verkehrssituation Hupen in allen Frequenzbereichen bis zu 130 Dezibel oder so. Aber – das ist nur das halbe Indien – das andere Indien wird olfaktorisch durch unser Riechorgan evaluiert! Jimbo und Dr. Daktari waren ja schon in den Gerbervierteln von Marrakesch und haben ergo eine reichhaltige Geruchserfahrung intus. Und wir bewundern alle das Parfüm vom Schreiberkollegen Süsskind – aber wenn der mal in Indien gewesen wäre, könnte er das so bestimmt nicht mehr schreiben – denn die Geruchsvielfalt ist schlicht extrem und zwar nicht bloss negativ! Wir sind an Rosenfeldern vorbeigefahren die man selbst im Autobahnduft noch hervorragend riechen konnte. Wir können anhand der Duftwolke, welche die an uns vorbeisausenden Busse hinterlassen fast auf den Kilometer genau den Abfahrsort einschätzen und wir wissen mittlerweile genau, hinter welchen Lastwagen es olfaktorisch eher unbefriedigend ist – Mist nur, wenn so ein Teil mit genau unserer Geschwindigkeit vor unserem Tuck hockt. Mist – hier wörtlich zu verstehen! Letzterer Düngerduft ist übrigens derart intensiv, dass er sich auch auf die Fahrer überträgt, wie wir Abends dann im Restaurant feststellen konnten. Und genau hier ist auch eine gewisse Demut und grosser Respekt angesagt, denn wenn wir in diese dunklen, zerfurchten Gesichter schauen, deren Abendbrot aus einem Pack Kekse (5 INR also ca. 8 Rappen) und einem Tee besteht, dann lässt sich ablesen, dass deren Leben nicht allzu einfach ist. Aber tagtäglich hängt unser Leben in diesem little Tuck genau von der Aufmerksamkeit solcher Männer ab. Und doch haben wir deutlich mehr Vertrauen in diese Hardcore-Trucker – selten, dass uns einer schneidet, oder einbremst – da sind die völlig unberechenbaren, pfeilschnellen, arroganten Limousinen um ein Vielfaches gefährlicher. Sehr friedlich – geradezu fröhlich ist demgegenüber das Verhältnis zu den anderen Rickshaws – wir werden immer wieder angehupt, angeschrien und kriegen das Daumen hoch Zeichen zur Verabschiedung.
Nachdem wir uns also meditativ Richtung Mumbai verschoben hatten, wurde es sonnenstandsmässig Zeit, nach einem Hotel zu suchen. Weil Indien immer entwickelter wird und wir am Nachmittag eine veritable Highway-Hotelzone durchfahren hatten, beschlossen wir, gar nicht erst nach Surat hinein zu fahren, sondern am Highway zu nächtigen. Nur waren da plötzlich keine Hotels mehr. Sondern bloss noch rauchende Fabrikschlote, mörderischer Verkehr und immer weniger Sonne. Und dann endlich – aber leider auf der Gegenseite – ein Krishna Hotel – hat ja schon mal geklappt. Also haben wir unserer Richtung noch 4 km Chance gegeben und dann gewendet. Das sah dann zwar sehr nett aus. Aber die behaupteten kein Hotel mehr zu sein
– nichts zu machen… Mittlerweile war es dunkel und so haben wir dann nochmals gewendet – Mumbai ist ja nur noch 280 Km entfernt – bei konzentrierter Fahr als ca. in 6-7h erreichbar. Allerdings ist Nachtfahren wirklich nicht empfehlenswert und so wurden wir selbst sogar zu Geisterfahrern, weil wir das nächste Hotel.überschossen hatten. Aber die wollten uns nicht. Wieder hinaus in die dunkle, brüllende, donnernd gefährliche Nacht. Und dann kam es – das Vijai Palace.
In Anbetracht der bisherigen Absagen waren unsere Hoffnungen eher gering – die Location klar ein ganz normaler Truck Stop – aber dank den Englischkünsten eines Gastes konnten wir doch tatsächlich den Zimmerwunsch anbringen und wurden in ein frisch renoviertes Zimmer geführt – gross, alles sauber und sogar funktionierende Steckdosen und das für schlappe 700 INR – entsprechend ca. 13 CHF. Also Tuck gepackt, Gepäck raufgeschleppt und dann ins Restaurant gesessen. Und da wurden wir wieder mal von den indischen Kochkünsten erschlagen: Mittlerweile haben wir seit Tagen kein Fleisch mehr gegessen und es fehlt uns überzeugten Metzgete-Fetischisten und Harcore-Carnivoren nicht einmal! Und auch daran, dass das Essen immer so aussieht, wie wenn sich jemand einen Jux mit Lebensmittelfarbe erlaubt hätte, haben wir uns gewöhnt – sieht einfach leckersmecker aus!
Nach dem Essen dann gab’s mal wieder eine Zigarre – der Tag war lang – also musste der Rauchstängel mithalten. Und wie wir da so zufrieden draussen sassen und rauchten kamen alle vorbei, wollten wissen wer, von wo, wohin und und und. Und die ganz Mutigen fragten sogar, ob sie von uns ein Foto machen dürften – klar doch kein Problem. Und dann kamen dann noch die drei Jungs ein zweites Mal und fragten schüchtern, ob sie uns auf einen Kaffe einladen dürften – gerne. Und so sind wir dann im Restaurant bei indischem Tee – der indisch korrekt in die Untertasse geleert und von dort aus geschlürft wird (hat mehr Geschmack .- wir haben ja schon erwähnt, dass Indien ein Land der Düfte zu sein scheint). Die drei Studenten haben uns dann so einiges über ihr Leben erzählt – genau diese Momente machen ja auch eine solche Reise aus – sonst könnten wir uns auch gleich in den klimatisierten Touribus schmeissen.
Nach einer intensiven Blogging-Session – Jimbo hatte bereits am Nachmittag im Tuck vorgeschrieben – dazu sind ja die langen Highway-Kilometer-Abratter-Stunden auch prädestiniert, konnten wir uns dann noch auf den Tuck of the Day einigen – der Sieger ist – passend zu unserem Tag – Godzilla Driving oder so:
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